In den schweren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und der verheerenden Inflation von 1923, sowie erneut während der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurde und blieb "Arbeit" ein großes Thema für Deutschland. Nicht erst die nationalsozialistische Politik mit ihren Initiativen, Slogans und Images versuchte, die Bedeutung von Arbeit in den Mittelpunkt zu rücken. Filme über das hektische, betriebsame Treiben in der Hauptstadt Berlin oder auch – als Gegenmotiv – über "Menschen am Sonntag" popularisierten das Verhältnis von Werkschaffenden zu ihrer Tätigkeit bzw. zum erlaubten und bewussten Müßiggang in der "Freizeit". Viele von Friedrich Hülsmanns Aufnahmen bewegen sich an genau diesen entgegengesetzen Polen: sie zeigen Menschen in ausgelassener Ferienstimmung, sowie bei Sport und Spiel, oder bei den Formen von Arbeit, die er in seiner unmittelbaren Umgebung beobachten konnte: bäuerliche Aktivitäten im Alten Land und die Anfänge einer industrialisierten Landwirtschaft, Berufsfelder rund um den Hafen, traditionelle Handwerke (darunter solche, die allmählich vom Aussterben bedroht sind), und – eher vereinzelt – die Arbeit mit modernen Technologien. Hülsmann präsentiert einen Techniker, der auf der Spitze eines Telegraphenmastes in äußerster Konzentration Drähte richtet: die dramatische Untersicht lässt sein Hantieren besonders gefährlich und herausfordernd erscheinen – ein Held der Arbeit in einer Welt, für die Kommunikation immer wichtiger wird. Zugleich eine der wenigen Fotografien, die Hülsmanns Praxis in der Nachfolge des "Neuen Sehens" zeigen: spektakuläre Perspektiven, wie wir sie aus den fotografischen Experimenten etwa des Bauhaus kennen.
Detail des East Terrace Garden am Schloss Windsor, fotografiert August 1933. Hülsmann nimmt hier eine puttengekrönte Steinvase in den Focus.
Die vierstellige Negativnr. (4129) ist ein Indiz für die nachträgliche Beschriftung: die Aufnahme gehört zweifellos in den Kontext der Englandreise mit den Vierhunderter-Nummern.
Asiatisches Stilleben in der Wohnung Possmoorweg. Auf einem einfachen Tisch fanden eine fernöstliche Buddha-Statuette (vermutlich aus Bronze), eine als Tischläufer verwendete Seidenbordüre mit floralen Ornamenten, darauf ein Porzellankoppchen im Stil der Zeit um 1700 sowie eine bauchige chinesische Vase mit Kirschzweigen Aufstellung. Dass die Kirschzweige noch nicht blühen lässt auf eine Aufnahme Anfang Dezember schließen: traditionell wurden am Barbaratag (4.12.) Kirschzweige geschnitten, damit sie bis Weihnachten aufblühen.
Das elegante und in der Auswahl der überwiegend fernöstlichen Gegenstände einigermaßen reduzierte Stilleben beweist kompositorisches Geschick; die Beleuchtung lässt die Materialität einzelner Objekte, darunter die reflektierende Oberfläche der Vase oder den feinen Seidenglanz des Stoffes hervortreten. Etwas störend erweist sich lediglich ein am linken Bildrand unvorteilhaft angeschnittener Gegenstand, den Hülsmann im Falle einer Ausbelichtung vielleicht "wegretuschiert" haben könnte.
Gertrud Hülsmann mit einer Bekannten im Dänemarkurlaub 1936. Die beiden Frauen erklimmen eine Leiter am Strand, die vielelicht zu einer Aussichtsplattform führt. An diesem sonnigen, etwas windigen Tag entstanden etliche Aufnahmen – Friedrich Hülsmann muß sich in einer wahren Fotoekstase befunden haben, und man hört geradezu das fröhliche Rufen und Lachen der Freundinnen.
Im Jahr der Machtübertragung an die Nationalsozialistische Partei erschien in der Deutschen Buch-Gemeinschaft das "Bilderwerk" von Hans Ludwig Oeser "Deutsches Land und deutsches Volk". Die aus unterschiedlichen Einsendungen von Amateur- und Profifotograf:innen herausgegebene Fotosammlung kommentierte Oeser im erhaben bramarbarsierenden Ton einer Ideologie, die technischen Fortschritt ins Gewand des Althergebrachten zu kleiden liebte und das historisch Gewachsene mit "neuen Mitteln" einer "neuen Zeit" betrachten wollte: "Von einem starken Bauerntum ist dieses Land urbar und bewohnbar gemacht, ist das Reich zwischen den Alpen und dem Meere, zwischen dem Rhein und der Elbe gegründet worden. Wer das Wachstum des deutschen Volkes von seiner Vorgeschichte an bis in die Jetztzeit, wer das Erbgesicht der deutschen Stämme und der vielen Völkerschaften anschauen will, die eingegangen sind in den gewaltigen mehrstämmigen Baum unseres Volkes, der schaue den Bauern ins Antlitz. Die Lebensgeschichte des deutschen Menschen wird darin verzeichnet sein, und eine Schönheit voll unmittelbarer Kraft, voller Tiefe, voll beredten Schweigens wird sich enthüllen" (H.L. Oeser, S. 48).
Nunja, das Porträt eines Hirten oder Tagelöhners aus dem Alten Land mit wettergegerbtem Gesicht, mit Walroßbart und in derben Stiefeln ist immerhin beeindruckend: sein Körper beherrscht die ganze Mittelachse der Aufnahme, während die "jährlich in reicher Ernte" aus dem Boden aufsteigende "Brotfrucht" bis zum Horizont reicht.
Gertrud Hülsmann an Bord eines Schiffes, vielleicht auf der Überfahrt nach England im Spätsommer 1933. Der starke Wind weht ihr den Rock zwischen die Beine, lüftet ihre Jacke und reißt ihr fast eine Zeitung aus den Händen, die sie gerade zu bändigen versucht. Der wirbelnde Saum und das flatternde Nachrichtenblatt lassen die leicht unscharfe Aufnahme mit Gertrud im Zentrum sehr dynamisch wirken.
Eine junge Fotografin, wahrscheinlich auch eine Amateurin, ist in die Knie gegangen, um ihre Balgenkamera auf dem Stativ auszurichten und gleich den Drahtauslöser zu betätigen: da die Linse auf die Mitte des Wegs weist, steht zu vermuten, daß die Fotografin ein auf sie zukommendes Gefährt oder eine herannahende Gruppe ins Visier genommen hat. Oder aber sie fotografiert hinter einem Fahrzeug her, das bereits eine deutliche Bewegungsspur auf dem Weg hinterlassen hat. Die für das Alte Land typischen Obstbäume zu beiden Seiten des kleinen Kanals stehen in voller Blütenpracht; der Bildkomposition liegt eine Diagonale von links unten nach rechts oben zugrunde, wie Hülsmann sie in vielen seiner Fotografien verwendete.
Wer hier an texanische Ölbarone denkt, wird vielleicht überrascht feststellen, dass auch in der deutschen Provinz beachtliche Mengen des schwarzen Goldes gefördert wurden. U.a. in Wietze am südlichen Ausläufer der Lüneburger Heide. Hier könnte die Aufnahme entstanden sein, auf der sich endlose Reihen von standardisierten Fässern bis zu den Bildrändern erstrecken. Die in ihrer Serialität leicht abstrahierte Struktur markiert fotografisches Bildschaffen am Übergang vom "Neuen Sehen" zur "Neuen Sachlichkeit".
Ca. 1932, Blick in das Wohnzimmer der Wohnung Possmoorweg mit antikem Mobiliar, darunter eine geschweifte Kommode im Stil der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, darauf eine Vase à la Chinoise mit separatem gedrechselten Ständer und zwei gleichförmige Kerzenleuchter (vermutlich aus Bronze); Sessel im Stil des Spätbarock (um 1750) mit wahrscheinlich erneuertem textilem Bezug; Beistelltischchen mit verschließbarer Kassette in Form einer Miniaturkommode, darauf zwei Terrakotten (wahrscheinlich Repliken antiker Originale); an den Wänden Zierteller mit floralen Ornamenten, zwei davon in chinesischem Stil; ein Wandspiegel mit dunklem Holzrahmen; eine gerahmte Reproduktion ist aufgrund der Spiegelung nicht identifizierbar.
Fensterbank mit Blumenvase: ein beliebtes Sujet für Amateurfotograf:innen, die Lichtspiel und Reflexionen auf spiegelnden Oberflächen erkunden können sowie die Wechselwirkung von Schärfe und Tiefenunschärfe. Hierzu arrangiert Friedrich Hülsmann in einem einfachen Wasserglas üppig gefüllte Pfingstrosen, auf die er den Focus setzt, während die Fernsicht aus dem Fenster völlig verschwimmt. Er folgt den Empfehlungen Wolf Dörings, der bei Aufnahmen im Freien zu bedenken gibt, dass "die Blumen oft unmerklich schwanken. [...] Weit einfacher ist es, Blumen im Zimmer und am Fenster mit der Kamera dazustellen. Da wird es bei dem vorhandenen Gegenlicht meist unerlässlich sein, mit einer Kunstlichtquelle vom Zimmer her aufzuhellen". Wie es aussieht, konnte Hülsmann dank herrlichem Sonnenschein darauf verzichten.
Kälbchen, ca. 1935. Im Alten Land mit seinen fruchtbaren Obstbäumen und Wiesen fand Friedrich Hülsmann eine weitgehend vorindustrielle Landwirtschaft im "Einklang mit der Natur" vor. Die dort tätigen Menschen arbeiteten noch wie vor hundert Jahren fast ohne Einsatz von Maschinen, Nutztiere lebten mehr oder weniger artgerecht mit Auslauf und in symbiotischer Nähe zu Bauernfamilien. Entsprechend gelangen Hülsmann verschiedene "charaktervolle" Tierporträts: sie erscheinen wie beseelte Geschöpfe mit eigener Daseinsberechtigung. Das in der Mittagssonne ruhende Kalb hält direkten Blickkontakt mit dem Fotografen und hat die Ohren aufmerksam aufgestellt.
Ca. 1932, Gertrud Hülsmann mit einem architektonischen Dekordetail (Rocaille), wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert; das Ornament, vermutlich aus Holz oder Stuck/Gips wurde in der Wohnung Possmoorweg an eine Wand im Arbeitszimmer gehängt und während der Weihnachtszeit als Kerzenhalter zweckentfremdet. Auf dem Foto hält Frau Hülsmann den Gegenstand wie ein Musikinstrument. Der "moderne" Heizkörper im Hintergrund verrät die Bauzeit des Hauses im Possmoorweg.
Einer der beiden Osttürme des Naumburger Doms, von Südwesten aus aufgenommen. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ersetzt ein hochgotisches Chorjoch mit zwei Türmen einen spätromanischen Vorgängerbau. Im 18. Jahrhundert erhielten die Türme barocke Helme. Hülsmann wählt einen Standpunkt vom inneren Domhof aus, der diesen Teil des Doms als verschachteltes, multiperspektivisches Bauwerk erscheinen lässt.
"Uns’re beiden Schatten sah’n wie einer aus..." Bereits 1915 dichtete der 22jährige Soldat Hans Leip, kurz vor seiner Abreise an die russische Front, das "Lied eines jungen Wachpostens". Bekannt wurde es erst zwei Jahrzehnte und einen Weltkrieg später, als Lale Andersen das Lied – nun unter dem Titel "Lili Marleen" – neu einspielte und es zur Erkennungsmelodie des Soldatensenders Belgrad avancierte. Als Friedrich Hülsmann sich und seine Frau als grotesk überlängte Silhouetten porträtierte, standen die beiden unter keiner Laterne und ihre Schatten waren auch nicht so anzüglich umschlungen, wie es der Songtext beschreibt. Allerdings war auch gerade kein Krieg, sondern vermutlich ein harmloser Sonntagnachmittag in einem Park...
Aufnahme mit Wasserlilien am Ufer eines Teichs, wahrscheinlich im Hamburger Botanischen Garten Planten un Blomen. Wie viele andere Fotoamateur:innen versuchte sich auch Friedrich Hülsmann mit der Kamera an Pflanzenmotiven – etliche Ratgeberbücher empfahlen dies, denn es handele sich um einen lebendigen Gegenstand, der doch mehr oder weniger stillhält und daher besonders geeignet sei für das Ausprobieren von unterschiedlichen Belichtungen und Schärfeeinstellungen.
Zwei Schwestern an Bord eines Schiffes. Hülsmann fotografiert die beiden etwa 5 und 8 Jahre alten, gleichgekleideten Mädchen aus leichter Untersicht, vielleicht ist er zum Fotografieren in die Knie gegangen. Das Sonnenlicht zeichnet lebhafte Schatten auf dem Gesicht der jüngeren, die sich mit staunend geöffnetem Mund nach links abwendet, während die Ältere mit eher bekümmertem Ausdruck direkt in die Kamera blickt. Wurde sie gerade am Ohr gepiekt, das sie mit zwei Fingern der linken Hand hält, oder bereitet ihr die Abreise Kummer? Das feine psychologisierende Porträt ist ein weiteres Beispiel für das große Einfühlungsvermögen von Friedrich Hülsmann als Kinderfotograf.