Für eine der "Rhein-Mainischen Braunen Messen" konzipierte Friedrich Hülsmann den Reklamestand der Hansa Mühle. Passend zum übermütigen Slogan "immer obenauf" ragt der Werberuf für lecithinhaltige Kraftnahrung weit in die Höhe der Frankfurter Messehalle – ein originelles Alleinstellungsmerkmal, denn alle anderen Anbieter bleiben innerhalb des durch die Messekojen vorgegebenen Rahmens. Die von der umlaufenden Empore aus aufgenommene Fotografie betont in der perspektivischen Verkürzung der Tafel die dynamische Diagonale des Schriftzugs. Zu den Traditionsausstellern wie Teppichhaus Hermann Eberhard (nachweisbar 1932-1953), Dinges Brotfabrik Offenbach (nachweisbar seit 1904), Henkel/Persil (nachweisbar seit 1907) gehört auch das Bielefelder Unternehmen Dr. Oetker, das in einer "Pudding-Stube" sein berühmtestes Produkt anbietet, das es seit 1894 herstellt.
Friedrich Hülsmann in seiner Wohnung, Possmoorweg 61, 1934. Mit ernstem Blick mustert der Abgebildete einen chinesischen Porzellanlöwen; die in der Aufnahme mit der Negativ-Nr. 105 betrachtete Tanagrafigur steht nun auf der hellen Kommode links neben dem Sitzenden. Die Fachliteratur ist jetzt anders platziert, als sei sie soeben noch benutzt worden; der aufgeschlagene Bildband liegt am Boden und lässt das Profil einer Dame der Renaissance sehen. Hülsmanns Schattensilhouette an der Wand hat eigenen Bildwert. Zum Anzug mit Krawatte und Einstecktuch kombiniert der künftige Kunsthändler halboffene Lederslipper, einen Pantoffeltyp, den er bis ins hohe Alter bevorzugte.
Einblick in die weihnachtlich geschmückte Wohnung im Possmoorweg: echte Kerzen und Mistelzweige lassen keinen Zweifel daran, welches Fest in den Tagen der Aufnahme gefeiert wird. Besonders bemerkenswert ist, wie das Sammlerehepaar ein Rocaille-Ornament aus dem 18. Jahrhundert zum Kerzenhalter umfunktioniert – fast schon etwas respektlos, wenn man die Akribie berücksichtigt, die der künftige Kunst- und Antiquitätenhändler im aufbewahrenden Umgang mit historischen Objekten pflegte. Auf einer anderen Fotografie musste der ansonsten zweckfreie Gegenstand auch schon für eine spaßige Inszenierung herhalten. Die zierlichen Stilmöbel verleihen der Wohnung einen gutbürgerlichen Charme, der durch die simpel karierte Stoffgardine etwas gebrochen wird – und vollends durch die seinerzeit hochmoderne Architektur des von Karl Schneider entworfenen Wohnkomplexes. Auch das Telefon stört etwas den historistischen Gesamteindruck. Hülsmanns waren damals unter dem Hamburger Anschluss 521051 N.38 zu erreichen.
Nächtliches Feuerwerk auf der Binnenalster, wahrscheinlich zu Sylvester. Die Aufnahme stammt aus einer ganzen Sequenz von Versuchen, das pyrotechnische Spektakel zu bannen. Licht und Bewegung – eine dankbare Aufgabe für Amateurfotograf:innen, oft eingesandt unter der Rubrik "Experiment" bei einer der zahlreichen populären Zeitschriften für diese Freizeitbeschäftigung.
Selbstporträt aus einer ganzen Reihe von fotografischen Studien rund um das eigene Erscheinungsbild: Friedrich Hülsmann probiert vor der Kamera verschiedene Gesichtsausdrücke - und verschiedene Krawatten; als Hintergrund dient eine hell lackierte Tür.
Englandreise August 1933, Windsor Castle. Etwa 40 km westlich von London liegt die königliche Residenz Windsor Castle, benannt nach dem gleichnamigen Ort an der Themse. Der weitläufige, auf einem Bergrücken gelegene Palast ging aus einer mittelalterlichen Festung hervor. Obwohl sich die Königliche Familie während des Ersten Weltkriegs von "Sachsen-Coburg-Gotha" in "Windsor" umbenannte, nutzte sie während der 1930er Jahre das Schloß hauptsächlich nur während der Ostertage, und um die Pferderennen von Ascot zu besuchen. Hülsmann fotografiert u.a. im Innenhof aus der Perspektive der aufgeschütteten Motte mit altem Rundturm – von hier nimmt er den Südflügel in den Blick – sowie auf dem East Terrace Lawn, der im streng geometrischen Barockstil angelegt ist.
Friedrich Hülsmann in seiner Wohnung, Possmoorweg 61, 1934. Im Schein einer stoffbespannten Lampe widmet sich der Sammler einem silbernen Deckelgefäß mit bewegten Faltenzügen, möglicherweise einem Gewürzstreuer. Auf dem Schoß hält er ein Heft, als vergleiche er Notizen mit dem Gegenstand in seiner anderen Hand. Kunstbände liegen mit den augenscheinlichen Spuren ihrer Benutzung am Boden – ganz entsprechend den Empfehlungen für Interieurfotografie, selbst menschenleere Räume durch „Wohnlichkeitsattrappen“ wie aufgeschlagene Bücher oder halb leer getrunkene Teetassen zu beleben. Hingegen ignorierte Hülsmann bei der Gestaltung seines Appartments vollständig die zahlreichen bis 1933 erschienenen Ratgeber für zeitgemäßes Einrichten mit Chrom und Glas. Stattdessen erzeugte er mit der Wahl seiner Ausstattungsdinge einen größtmöglichen Gegensatz zur funktionalistischen Modernität des Miethauses im Possmoorweg, denn dieses trägt deutliche Merkmale der Bauhaus-Ära.
Im Jahr der Machtübertragung an die Nationalsozialistische Partei erschien in der Deutschen Buch-Gemeinschaft das "Bilderwerk" von Hans Ludwig Oeser "Deutsches Land und deutsches Volk". Die aus unterschiedlichen Einsendungen von Amateur- und Profifotograf:innen herausgegebene Fotosammlung kommentierte Oeser im erhaben bramarbarsierenden Ton einer Ideologie, die technischen Fortschritt ins Gewand des Althergebrachten zu kleiden liebte und das historisch Gewachsene mit "neuen Mitteln" einer "neuen Zeit" betrachten wollte: "Von einem starken Bauerntum ist dieses Land urbar und bewohnbar gemacht, ist das Reich zwischen den Alpen und dem Meere, zwischen dem Rhein und der Elbe gegründet worden. Wer das Wachstum des deutschen Volkes von seiner Vorgeschichte an bis in die Jetztzeit, wer das Erbgesicht der deutschen Stämme und der vielen Völkerschaften anschauen will, die eingegangen sind in den gewaltigen mehrstämmigen Baum unseres Volkes, der schaue den Bauern ins Antlitz. Die Lebensgeschichte des deutschen Menschen wird darin verzeichnet sein, und eine Schönheit voll unmittelbarer Kraft, voller Tiefe, voll beredten Schweigens wird sich enthüllen" (H.L. Oeser, S. 48).
Nunja, das Porträt eines Hirten oder Tagelöhners aus dem Alten Land mit wettergegerbtem Gesicht, mit Walroßbart und in derben Stiefeln ist immerhin beeindruckend: sein Körper beherrscht die ganze Mittelachse der Aufnahme, während die "jährlich in reicher Ernte" aus dem Boden aufsteigende "Brotfrucht" bis zum Horizont reicht.
Gertrud Hülsmann mit einer Bekannten im Dänemarkurlaub 1936. Die beiden Frauen erklimmen eine Leiter am Strand, die vielelicht zu einer Aussichtsplattform führt. An diesem sonnigen, etwas windigen Tag entstanden etliche Aufnahmen – Friedrich Hülsmann muß sich in einer wahren Fotoekstase befunden haben, und man hört geradezu das fröhliche Rufen und Lachen der Freundinnen.
Asiatisches Stilleben in der Wohnung Possmoorweg. Auf einem einfachen Tisch fanden eine fernöstliche Buddha-Statuette (vermutlich aus Bronze), eine als Tischläufer verwendete Seidenbordüre mit floralen Ornamenten, darauf ein Porzellankoppchen im Stil der Zeit um 1700 sowie eine bauchige chinesische Vase mit Kirschzweigen Aufstellung. Dass die Kirschzweige noch nicht blühen lässt auf eine Aufnahme Anfang Dezember schließen: traditionell wurden am Barbaratag (4.12.) Kirschzweige geschnitten, damit sie bis Weihnachten aufblühen.
Das elegante und in der Auswahl der überwiegend fernöstlichen Gegenstände einigermaßen reduzierte Stilleben beweist kompositorisches Geschick; die Beleuchtung lässt die Materialität einzelner Objekte, darunter die reflektierende Oberfläche der Vase oder den feinen Seidenglanz des Stoffes hervortreten. Etwas störend erweist sich lediglich ein am linken Bildrand unvorteilhaft angeschnittener Gegenstand, den Hülsmann im Falle einer Ausbelichtung vielleicht "wegretuschiert" haben könnte.
Vier Kinder, drei Buben und ein Mädchen, wahrscheinlich aus dem Alten Land, sind beim Spielen völlig außer sich geraten: zwei Knaben in kurzen Hosen wälzen sich in ekstatischem Gelächter am Boden, das Mädchen mit verrutschter Schürze verbirgt sein Gesicht am Rücken des Jungen, dessen verdrehte Hände irgendwohin zu weisen scheinen; lediglich der dritte Junge kauert ernst in einer Mauerecke, als ginge ihn das Toben seiner Freunde nichts an, oder als habe ihn eine Vision jenseits des gemeinsamen Spiels erfasst. Die wahrscheinlich Ende der 1920er Jahre geborenen Kinder haben schwere Zeiten vor sich: Hitlerjugend, Reichsarbeitsdienst und vielleicht sogar ein viel zu früher Einsatz in den Verteidigungsschlachten der letzten Kriegstage. Ob der Junge in Sandalen von all dem schon etwas ahnt, während sich seine Kameraden grenzenloser Heiterkeit hingeben?
Zwei Schwestern an Bord eines Schiffes. Hülsmann fotografiert die beiden etwa 5 und 8 Jahre alten, gleichgekleideten Mädchen aus leichter Untersicht, vielleicht ist er zum Fotografieren in die Knie gegangen. Das Sonnenlicht zeichnet lebhafte Schatten auf dem Gesicht der jüngeren, die sich mit staunend geöffnetem Mund nach links abwendet, während die Ältere mit eher bekümmertem Ausdruck direkt in die Kamera blickt. Wurde sie gerade am Ohr gepiekt, das sie mit zwei Fingern der linken Hand hält, oder bereitet ihr die Abreise Kummer? Das feine psychologisierende Porträt ist ein weiteres Beispiel für das große Einfühlungsvermögen von Friedrich Hülsmann als Kinderfotograf.
ca. 1932, Blick aus dem Fenster einer Wohnung. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um die Wohnung der Hülsmanns, denn das Grundstück gegenüber dem Possmoorweg 61 beherbergte eine Kleingartensiedlung.
Detail des East Terrace Garden am Schloss Windsor, fotografiert August 1933. Hülsmann nimmt hier eine puttengekrönte Steinvase in den Focus.
Die vierstellige Negativnr. (4129) ist ein Indiz für die nachträgliche Beschriftung: die Aufnahme gehört zweifellos in den Kontext der Englandreise mit den Vierhunderter-Nummern.
Wanderer über dem Eismeer. Mehrmals im Lauf des 20. Jahrhunderts waren Binnen- und Außenalster aufgrund von Dauerfrost so stark zugefroren, daß man das Eis begehen konnte: 1929 über hundert Tage lang, und auch 1933 war ein sehr kalter Winter, der Schlittschuhlaufen und Rutschpartien im Herzen der Hansemetropole ermöglichte. Friedrich Hülsmann hielt das Vergnügen in mehreren Aufnahmen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln fest. Für die Ansicht eines Mannes, der wie eine von C. D. Friedrichs Rückenfiguren etwas isoliert über die Eisschicht wankt, muss Hülsmann einen erhöhten Standpunkt, wahrscheinlich auf einer der Brücken, bezogen haben.
Gertrud Hülsmann und ein Freund ihres Mannes waten selbstvergessen in hochgeschürzter Kleidung durch einen Flusslauf, wahrscheinlich im Alten Land. Die Aufnahme berührt durch die geschwisterliche Vertrautheit der beiden Dargestellten und die sommerliche Entspanntheit der unaufgeregten Landschaft. Die Sonne zeichnet feine Lichtspiele auf der Wasseroberfläche.