Wer hier an texanische Ölbarone denkt, wird vielleicht überrascht feststellen, dass auch in der deutschen Provinz beachtliche Mengen des schwarzen Goldes gefördert wurden. U.a. in Wietze am südlichen Ausläufer der Lüneburger Heide. Hier könnte die Aufnahme entstanden sein, auf der sich endlose Reihen von standardisierten Fässern bis zu den Bildrändern erstrecken. Die in ihrer Serialität leicht abstrahierte Struktur markiert fotografisches Bildschaffen am Übergang vom "Neuen Sehen" zur "Neuen Sachlichkeit".
Liebe zu dritt? Friedrich Hülsmann hielt das Anlegen des Bootes Germania in etlichen Einzelaufnahmen fest. Nun hat sich zu den beiden Faulenzern eine kräftige junge Frau gesellt, deren blonde Locken vom Wind verweht werden. Gemeinsame sportliche Betätigungen beider Geschlechter in überaus leichter Bekleidung (oder gar nackt), wären wenige Jahrzehnte zuvor noch undenkbar gewesen. Doch die Lebensreform um 1900 hatte erste Versuche unternommen, mit der muffigen Prüderie des 19. Jahrhunderts aufzuräumen: Sonnenbaden und Freikörperkultur wurden zu neuen Idealen einer gesunden, körperbewussten Bevölkerung, die sich allerdings nur zögerlich durchsetzen konnten. Erst die 1920er jahre popularisierten mit etlichen Romanen und Filmen rund um das Thema Sport das zwanglose Beisammensein von Männern und Frauen; das NS Regime schließlich hatte zur Sexualität ohnehin eine eher lockere Beziehung: Joseph Goebbels etwa gab zu bedenken, das deutsche Reich sei kein Franziskanerkloster! Außerdem waren künftige deutsche Soldaten selbst dann willkommen, wenn sie unehelich gezeugt wurden. In welcher Beziehung zueinander die drei jungen Menschen tatsächlich stehen, bleibt unserer Phantasie überlassen.
Gänseschar, ca. 1935. Wahrscheinlich außerhalb Hamburgs fotografiert Friedrich Hülsmann Gänse und Puten eines Geflügelhofs. Einige der Tiere mustern interessiert den Fotografen, dem es – ähnlich wie bei Kindern – immer wieder gelang, das Vertrauen seiner lebenden Motive zu gewinnen und sich ihnen nähern zu können, ohne sie zu verscheuchen oder aufzuschrecken. Im Hintergrund versammelt ein Mehrparteienhaus potentielle Abnehmer:innen für das Geflügel. Eine moderne Funktionsarchitektur und das Ende eines Gleises könnten darauf hindeuten, daß dieses Viertel sich erst am Beginn seiner infrastrukturellen Erschließung befindet.
Vorbereitungen für eine Veranstaltung auf dem Erfurter Domplatz. Aus der thüringischen Stadt Erfurt sind mehrere fotografische Motive aus der Kamera von Friedrich Hülsmann erhalten: die Waagegasse gleich mehrmals, sowie die Krämerbrücke, idyllische Ansichten von Häusern an der Gera, die gotische Severikirche und der Domplatz – von der luftigen Höhe einer Dombesteigung aus gesehen und aus unmittelbarer Nähe: im Licht eines späten Nachmittags spielen Kinder zwischen einfachen Holzbänken, die gerade erst montiert wurden. Ein Junge ahmt die Arbeiten in verkleinertem Maßstab nach, indem er eine Miniaturbank aus einem Brettchen auf gestapelten Holzscheiben zu formt, während zwei weitere Jungen die Sitzbretter als Hindernisse beim Hürdenlauf nutzen. Ob die Bänke für eine Kundgebung, eine Freiluftmesse oder ein Konzert errichtet wurden, konnte bisher nicht geklärt werden. Im Hintergrund erkennt man noch den Sockel des 1777 aufgestellten "Erthal-Obelisken".
Fotografische Studie mit einem Doldengewächs. Das Gegenlicht lässt die verzweigte Struktur der Pflanze wie einen Schattenriss hervortreten. (vgl. auch Negativ Nr. 301)
Selbstporträt aus einer ganzen Reihe von fotografischen Studien rund um das eigene Erscheinungsbild: Friedrich Hülsmann probiert vor der Kamera verschiedene Gesichtsausdrücke - und verschiedene Krawatten; als Hintergrund dient eine hell lackierte Tür.
Herr Mitlinski geht spazieren. 1929 erschien Erich Kästners Erfolgsroman "Emil und die Detektive" mit dem legendären Cover von Walter Trier, das die Figur des Herrn Grundeis (eigentlich Mitlinski) beim Flanieren zeigt. 1931 wurde die literarische Vorlage bereits verfilmt: Fritz Rasp verkörpert den abgefeimten Dieb Grundeis/Mitlinski, der den Knaben Emil bestiehlt. Hülsmanns fotografische Perspektive wirkt so, als habe er sich selbst in einem Hauseingang verborgen, um – wie die Kinderbande um Pony Hütchen und Gustav mit der Hupe – dem nichtsahnenden Spaziergänger aufzulauern: damit wäre das Triersche Covermotiv umgekehrt, denn in der Illustration wird Herr Grundeis von zwei Knaben von hinten beobachtet, die sich hinter einer Litfaßsäule verborgen halten.
Alter Mann auf den Stufen zur "Great West Door" der St. Paul’s Cathedral in London, 1933. Friedrich Hülsmann schafft das eindrucksvolle Porträt eines von Entbehrungen gezeichneten, ärmlich gekleideten Seniors, der sich zu Füßen der wuchtigen Säulen des Haupteingangs auf dem Gemäuer niedergelassen hat. Seine knotigen Hände hat er in den Schoß gelegt, der mit einem karierten Schal und einer flachgedrückten Mütze bedeckt ist. Hülsmann rückt ihn in die Mitte seiner Bildkomposition, die er aus unmittelbarer Distanz ablichtet; aus größerer Entfernung würde der Alte vor der kolossalen Kulisse der riesigen Barockkirche verloren ausgesehen haben. Durch einen fehlerhaften Transport des Films in der Kamera ist im unteren Bereich eine Doppelbelichtung entstanden.
Stelzenläufer, wahrscheinlich Mai 1933. Wohl als Werbegag, um potentielle Besucher:innen auf die gerade stattfindende Messe aufmerksam zu machen, balancieren einige Herren in Frack und Zylinder auf hohen Stelzenbeinen unter dem Berliner Funkturm her. Im Gegenlicht sind sie nur als groteske Silhouetten wahrzunehmen, und da die Sonne gerade hoch steht, werfen ihre überlangen Beine erstaunlich kurze Schatten. Wie der Minutenzeiger einer Uhr wirkt hingegen der diaganole Schatten, den einer der Masten wirft, an denen Straßenlaternen befestigt wurden.
Porträt eines Jungen im Matrosenanzug, ca. 1935. Ein Knabe hat sein Gesicht in den Schoß seiner Mutter oder großen Schwester gebettet, gestützt von deren Hand, die er mit den Lippen sanft liebkost. Wer würde da nicht an den anmutigen Tadzio aus "Tod in Venedig" denken? Was mochte in Friedrich Hülsmann vorgegangen sein, als er diese Szene von äußerster Intimität, noch dazu aus großer Nähe, fotografierte? Schon in wenigen Jahren würde ein furchtbarer Krieg ausbrechen, an dem der Bube, kaum erwachsen, aller Wahrscheinlichkeit nach teilzunehmen hatte.
Gertrud Hülsmann an Bord eines Schiffes, vielleicht auf der Überfahrt nach England im Spätsommer 1933. Der starke Wind weht ihr den Rock zwischen die Beine, lüftet ihre Jacke und reißt ihr fast eine Zeitung aus den Händen, die sie gerade zu bändigen versucht. Der wirbelnde Saum und das flatternde Nachrichtenblatt lassen die leicht unscharfe Aufnahme mit Gertrud im Zentrum sehr dynamisch wirken.
Während der Dänemarkurlaube fotografiert Friedrich Hülsmann vor allem Menschen: auf Booten und am Strand, bei sportlichen Aktivitäten und selbstvergessenem Spiel. Die ruhigen und sauberen Badegelegenheiten der Westküste haben sonst auch wenig Attraktionen zu bieten. Ganz anders die wilde Felsküste der Insel Bornholm, von der aus sich erhabene Blicke auf die Brandung bieten. Die kühn-romantischen Abgründe des "Kreidefelsen" auf Rügen, vor allem in der malerischen Darstellung von C. D. Friedrich, lassen grüßen.
Die winterliche Aufnahme macht Friedrich Hülsmann aus einem Fenster des Wohnkomplexes Possmoorweg. Das damals als Kleingartensiedlung genutzte Grundstück auf der gegenüberliegenden Seite gibt den Blick frei auf die abendlich beleuchtete Häuserreihe am Goldbekufer hinter dem Goldbekkanal. Die Brücke zur Barmbecker Straße ist links zu erkennen. Im Vordergrund setzt ein vereinzelt stehender Baum, dessen kahle, verschneite Krone von einer benachbarten Laterne beleuchtet wird, einen starken Akzent.
Asiatisches Stilleben in der Wohnung Possmoorweg. Auf einem einfachen Tisch fanden eine fernöstliche Buddha-Statuette (vermutlich aus Bronze), eine als Tischläufer verwendete Seidenbordüre mit floralen Ornamenten, darauf ein Porzellankoppchen im Stil der Zeit um 1700 sowie eine bauchige chinesische Vase mit Kirschzweigen Aufstellung. Dass die Kirschzweige noch nicht blühen lässt auf eine Aufnahme Anfang Dezember schließen: traditionell wurden am Barbaratag (4.12.) Kirschzweige geschnitten, damit sie bis Weihnachten aufblühen.
Das elegante und in der Auswahl der überwiegend fernöstlichen Gegenstände einigermaßen reduzierte Stilleben beweist kompositorisches Geschick; die Beleuchtung lässt die Materialität einzelner Objekte, darunter die reflektierende Oberfläche der Vase oder den feinen Seidenglanz des Stoffes hervortreten. Etwas störend erweist sich lediglich ein am linken Bildrand unvorteilhaft angeschnittener Gegenstand, den Hülsmann im Falle einer Ausbelichtung vielleicht "wegretuschiert" haben könnte.
Zwei Mädchen haben das Geländer einer "Landungsbrücke" erklommen, um von dort auf den Strand herabzuschauen; das größere, von der Sonne schon recht gebräunte, in einer vom Wind aufgeblähten Hose, hält sich an einem Mast fest; daneben mahnt ein Schild der "staatl. Kurverwaltung", dass "nach § 2 der Strandordnung … das Betreten der Landungsbrücke im Badeanzuge ohne umgelegten Bademantel verboten" sei. Offenbar versuchte man das Vordringen allzu loser Sitten oder gar einer Freikörperkultur, die sich seit der Lebensreform um 1900 wachsender Beliebtheit erfreute, einzudämmen.