Blick in das Gestänge des Berliner Funkturms, der 1926 in seiner Doppelfunktion als Sende- und Aussichtsturm auf dem Messegelände errichtet wurde. Die Aufnahme zeigt das Können Friedrich Hülsmanns als Fotograf am Umschlagpunkt vom Neuen Sehen zur Neuen Sachlichkeit. "Technische Schönheit" (1929) oder "Das Werk. Technische Lichtbildstudien" in der preisgünstigen Reihe der "Blauen Bücher" (1931) popularisierten den Blick auf Nutzarchitekturen und ihren ästhetischen Reiz.
Kaffeepause. Extreme Aufsicht und steile Diagonale gehören zu den Kompositionsmerkmalen des Neuen Sehens, das als fotografische Praxis in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre seinen Höhepunkt hatte.
Die kleine Auszeit wirkt improvisiert, spontan, und ein bißchen so, als seien Tische und Stühle gerade erst ins Freie geschleppt worden: Jacken und Taschen wurden "mal eben" abgeworfen; der hintere Tisch weist mehr Gedecke als Sitzende auf; wahrscheinlich haben die beiden jungen Mädchen, die es sich bäuchlings auf zwei Liegen bequem gemacht haben, gerade noch den Älteren Gesellschaft geleistet, bis es ihnen zu langweilig wurde. Der Ort der Aufnahme konnte bisher nicht identifiziert werden. Auf den Varianten mit den Negativnummern 4051 und 4053 sieht man, dass weitere Liegen direkt am Rand einer ungemähten Wiese stehen, die sich an einen Wald schließt.
Der Gasthof "Goldner Hirsch" am Weinmarkt 6 in Dinkelsbühl existiert heute noch. Friedrich Hülsmann erwischt eine Szene, die wie ein Filmstill wirkt: einer der Gäste unterhält sich gerade mit der Kellnerin, die neckisch den Kopf zur Seite hält, um "interessiert" zu lauschen. Machte das Lokal damals noch mit "fließend Wasser" auf den besonderen Service aufmerksam, werden heute "Wirtshausstube mit urigem Charme und fränkischer Küche sowie Übernachtungsmöglichkeiten" gepriesen. Dinkelsbühl gehört zu den deutschen Altstädten, die auch im 21. Jahrhundert mit historischem Ambiente und "Gemütlichkeit" punkten können.
Sog. "Goldene Galerie" im "Neuen Flügel" des Schlosses Charlottenburg, nach dem Regierungsantritt Friedrichs II. (1740) als Ergänzung des alten Barockbaus errichtet. Hülsmann fotografiert in diesem von Knobelsdorff entworfenen Bau mit aufwändigen Goldstukkaturen: Rocaillen und chinoise Ornamente wuchern zwischen den Fenstern zur Decke empor, von der prächtige Kristalleuchter herabhängen. Hülsmann findet noch die historische Aufstellung von Büsten antiker Philosophen und Staatsmännern vor.
Etwa 30 Jahre, bevor die Aufnahmen am Strand entstanden, steckten Frauen noch in Kleidern, die vom Hals bis zu den Füßen reichten, ihre Brüste und Taillen waren durch Korsettierungen auf oft schmerzhafte Weise geformt, und die Mode ließ ihnen kaum Bewegungsfreiheit. Laufen oder gar Rennen und Springen waren so gut wie nicht möglich, Baden oder Radfahren galten als Betätigungen, die Sitte, Moral und Gesundheit gefährdeten. Dass eine Generation später die Damen kürzere Röcke und leichte Blusen trugen, sich selbständig durch die Straßen bewegten und einem Beruf nachgingen, verstörte zumindest viele ältere Herren. Das gemeinschaftliche Turnen und Spielen beider Geschlechter gehörte zur umwälzenden Neuorientierung weiblicher Lebensformen seit den 1920er Jahren. Den Beiden auf der Schaukel ist deutlich anzusehen, wie viel Freude sie an dieser Ungezwungenheit haben, die für ihre Mütter und Großmütter noch undenkbar war.
Der arme Alte von Ahrensburg. Zufrieden und entspannt sitzt ein bärtiger Greis in einem Lehnstuhl aus Korbgeflecht und lässt sich von der Mittagssonne bescheinen. Die gepflegte Kinnzier, ein heller Hut, Blume im Knopfloch und gestreifte Hose geben ihm ein recht adrettes Ansehen. Wollen die Pantoffeln schon nicht so recht dazu passen, wird die Vorstellung eines behaglichen Lebensabends vollends durch die Behausung getrübt, vor deren Eingang es sich der Senior bequem gemacht hat: die Tür gehört zu einer der 22 (ursprünglich 24) "Gottesbuden", die sich in zwei Reihen um die Schloßkirche zu Ahrensburg ordnen. Von Peter Rantzau, dem Erbauer des Schlosses, wurden sie um 1600 als Bleibestatt für besonders bedürftige Dorfbewohner gestiftet – vergleichbar der Augsburger Fuggerei, einem "Sozialbau" der frühen Neuzeit. Bis heute werden die Wohnzellen zu einem günstigen Mietziens vergeben.
Wanderer über dem Eismeer. Mehrmals im Lauf des 20. Jahrhunderts waren Binnen- und Außenalster aufgrund von Dauerfrost so stark zugefroren, daß man das Eis begehen konnte: 1929 über hundert Tage lang, und auch 1933 war ein sehr kalter Winter, der Schlittschuhlaufen und Rutschpartien im Herzen der Hansemetropole ermöglichte. Friedrich Hülsmann hielt das Vergnügen in mehreren Aufnahmen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln fest. Für die Ansicht eines Mannes, der wie eine von C. D. Friedrichs Rückenfiguren etwas isoliert über die Eisschicht wankt, muss Hülsmann einen erhöhten Standpunkt, wahrscheinlich auf einer der Brücken, bezogen haben.
Beobachtete Beobachter: wahrscheinlich in der (old) Bond Street, heute eine der teuersten Einkaufsstraßen Londons, fotografiert Friedrich Hülsmann, wie einige Männer einen Abschnitt der Straße teeren. Die Teermaschine, üblicherweise einen unangenehmen Geruch verbreitend, steht vor dem Geschäft von Frank Cruwys, einem Herrenschneider, der u.a. den späteren Herzog von Windsor (damals noch Prince of Wales) einkleidete; Frank Cruwys selbst lebte seit den 1920er Jahren in Frankreich, aber offenbar führte einer seiner Brüder, die alle Schneider waren, das Geschäft unter seinem etablierten Namen in der Bond Street fort. Leider ist aufgrund der Spiegelung nichts von der Auslage zu erkennen.
Von den gegenüberliegenden Bordsteinkanten aus, durch die Baustelle wie durch einen Fluss getrennt, beobachten zwei Passanten die Szene. Aber beobachten sie wirklich die Männer bei der Arbeit oder treffen sich ihre Blicke? Geradezu herausfordernd steht der Mann am rechten Bildrand mit den Händen in den Hosentaschen. Statt sich der Asphaltierung zu widmen, könnte er auch den Herrn auf der anderen Straßenseite fixieren, der sich im Gehen umwendet, als hätte er soeben bemerkt, dass er beobachtet wird. Verbindet die beiden ein dunkles Geheimnis? Hier ist Hülsmann ein vielsagender Schnappschuß gelungen...
Einblick in die weihnachtlich geschmückte Wohnung im Possmoorweg: echte Kerzen und Mistelzweige lassen keinen Zweifel daran, welches Fest in den Tagen der Aufnahme gefeiert wird. Besonders bemerkenswert ist, wie das Sammlerehepaar ein Rocaille-Ornament aus dem 18. Jahrhundert zum Kerzenhalter umfunktioniert – fast schon etwas respektlos, wenn man die Akribie berücksichtigt, die der künftige Kunst- und Antiquitätenhändler im aufbewahrenden Umgang mit historischen Objekten pflegte. Auf einer anderen Fotografie musste der ansonsten zweckfreie Gegenstand auch schon für eine spaßige Inszenierung herhalten. Die zierlichen Stilmöbel verleihen der Wohnung einen gutbürgerlichen Charme, der durch die simpel karierte Stoffgardine etwas gebrochen wird – und vollends durch die seinerzeit hochmoderne Architektur des von Karl Schneider entworfenen Wohnkomplexes. Auch das Telefon stört etwas den historistischen Gesamteindruck. Hülsmanns waren damals unter dem Hamburger Anschluss 521051 N.38 zu erreichen.
Pause bei der Obsternte. Die Arbeit ist getan, Kirschen und Zwetschen sind in Körben und Kisten verstaut, gleich wird ein Lastkahn die süßen Köstlichkeiten abholen. Drei Bäuerinnen aus dem Alten Land nutzen die Wartezeit für einen Moment der Erholung. Eine von ihnen hält mit verschränkten Armen nach dem Boot Ausschau, eine weitere hat sich neben einer Treppe im Gras niedergelassen, eine dritte lehnt am Stamm eines Baumes. Da die Frauen im Halbprofil bzw. von hinten fotografiert sind, erinnert die Anordnung der Figuren an Kompositionen von C.D. Friedrich, der Menschen bevorzugt in Rückenansicht dargestellt hat. Die sommerliche Stimmung ist behaglich – ein stilles Glück im Augenblick. Und bald gibt es Obstkuchen!
Als die Ozonschicht noch in Ordnung war... Gertrud Hülsmann sitzt an einem steinigen Strand und cremt sich die wohlgeformten Beine ein – offenbar mit Nivea, denn diese Dose taucht auch auf einer anderen Aufnahme aus dem Dänemarkurlaub 1936 auf. Damals hielt man die UV-Strahlung der Sonne noch nicht für so bedenklich und setzte sich ihr weitgehend ungeschützt aus – das Rückendekolleté des modischen Badeanzugs lässt jedenfalls erkennen, dass die 43jährige schon einige Sommertage genossen hat. Eine Generation zuvor hätte eine Dame zweifellos Zuflucht unter einem Sonnenschirm oder hinter einem Fächer gesucht, um ihre Haut makellos weiß zu erhalten, Bräune wurde erst in den 1920er Jahren zum Schönheitsideal der sportlich aktiven Frau. Der Schatten am unteren rechten Bildrand verrät die Anwesenheit des Fotografen
Ausgerechnet Eisenlager? Zweifellos gibt es zahllose pittoreskere Ansichten der wunderschönen, altehrwürdigen Hansestadt Lübeck. Warum Hülsmann die Wallhalbinsel als Standort wählt, um von dort die Häuserreihe an der Untertrave mit den dahinterliegenden Kirchtürmen von St. Marien und St. Petri zu fotografieren, wird wohl ein Rätsel bleiben. Statt der herrlichen Bürgerhäuser mit ihren typischen Treppengiebeln dominiert Paul G. Pätaus Eisenlager die vordere Bildmitte. Musste Hülsmann seinen Film "vollkriegen"?
Der Heuwagen. In etlichen Aufnahmen dokumentiert Friedrich Hülsmann die landwirtschaftliche Arbeit im Alten Land am Übergang von traditionellen Gewerken zu maschinisierten Vorgängen. Besonders malerisch wirkt die Heuernte: mit tiefliegenden Horizont an den Bildkompositionen von C.D. Friedrich orientiert, assoziert die Fotografie das Motiv des Heuwagens von Hieronymus Bosch ebenso wie etliche impressionistische Gemälde, etwa von Camille Corot oder Claude Monet. Das Ochsengespann, das treuergeben seinen Zugdienst versieht, sowie die rechtschaffen arbeitenden Männer und Frauen entsprechen allerdings auch "typisch deutschen", romantischen Vorstellungen vom tätig wirkenden Leben in Naturverbundenheit.
Gertrud Hülsmann während eines von drei Urlauben, die das Paar in Dänemark verbrachte. Dass es sich um den Sommer 1936 handeln muss, geht aus der (sozial)demokratischen dänischen Zeitschrift hervor: abgebildet ist dort das Luftschiff "Hindenburg", das zwischen Mai 1936 und März 1937 über den Atlantik flog. Weiterhin ist von "polnischen Anforderungen an Danzig" und "Unruhen in England" die Rede (Übersetzung: Christina Schiefer). Die Aufnahme offenbart viel von der weltoffenen Gesinnung des Paares: die "neue Frau" sollte eigentlich in der nationalsozialistischen Ideologie durch das Leitbild der "deutschen Mutter" abgelöst werden, die Niveacreme wurde seit 1933 als "jüdisches" Produkt verfemt. Gertrud Hülsmann schützt sich vor der Sonne durch einen großen Strohhut, der schulterfreie Sommerdress offenbart ihre sportliche Statur. Gerade wiegt sie sich im Takt der Musik, die sie auf ihrem Akkordeon der Magdeburger Fa. Buttstädt hervorbringt. Da ihre Armbanduhr beim Spiel stören würde – das Akkordeon hat auf der linken Seite einen Haltegurt – trägt Frau Hülsmann sie am rechten Handgelenk.
Liebe zu dritt? Friedrich Hülsmann hielt das Anlegen des Bootes Germania in etlichen Einzelaufnahmen fest. Nun hat sich zu den beiden Faulenzern eine kräftige junge Frau gesellt, deren blonde Locken vom Wind verweht werden. Gemeinsame sportliche Betätigungen beider Geschlechter in überaus leichter Bekleidung (oder gar nackt), wären wenige Jahrzehnte zuvor noch undenkbar gewesen. Doch die Lebensreform um 1900 hatte erste Versuche unternommen, mit der muffigen Prüderie des 19. Jahrhunderts aufzuräumen: Sonnenbaden und Freikörperkultur wurden zu neuen Idealen einer gesunden, körperbewussten Bevölkerung, die sich allerdings nur zögerlich durchsetzen konnten. Erst die 1920er jahre popularisierten mit etlichen Romanen und Filmen rund um das Thema Sport das zwanglose Beisammensein von Männern und Frauen; das NS Regime schließlich hatte zur Sexualität ohnehin eine eher lockere Beziehung: Joseph Goebbels etwa gab zu bedenken, das deutsche Reich sei kein Franziskanerkloster! Außerdem waren künftige deutsche Soldaten selbst dann willkommen, wenn sie unehelich gezeugt wurden. In welcher Beziehung zueinander die drei jungen Menschen tatsächlich stehen, bleibt unserer Phantasie überlassen.