„Du bist schön von hinten“ sang die deutsch-französische Band Stereo Total 1997. An den jungen Herrn Hülsmann wird das Ensemble dabei sicher nicht gedacht haben, obwohl seiner Frau wirklich eine sehr attraktive Rückenansicht am Strand gelungen ist. Mit in den Nacken gelegtem Kopf trotzt der Wahlhamburger den Elementen, hier in Gestalt tosender Wellen. Zweifellos dürfte Gertrud Hülsmann Bilder von C.D. Friedrich vor dem inneren Auge gehabt haben, als sie den Auslöser betätigte. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“, die „Frau vor der untergehenden Sonne“ oder Paare, die den Mond bestaunen – bei dem berühmtesten Maler der Romantik waren auch die meisten Figuren „schön von hinten“.
ca. 1932, Objektfotografie: Hülsmann dokumentiert den Erwerb eines kleinformatigen Familienbildnisses aus der Zeit um 1820 als Selbstporträt eines Malers mit seinem Bruder oder Sohn und seiner Frau (oder Schwiegertochter), die als gemaltes Bild im Bild auf der Staffelei erscheint. Der wahrscheinlich noch originale Rahmen ist stellenweise stark beschädigt. Hülsmann fotografierte das Bild mit einer Quelle künstlichen Lichts, die sich im Firnis des Gemäldes spiegelt; das Bild ist als freigestelltes Objekt inszeniert und erscheint auf einer weiteren Aufnahme im Kontext der Einrichtung.
Blumenarrangement auf einer Fensterbank in der Wohnung Possmoorweg. Hülsmann kombiniert bei strahlendem Sonnenlicht Pfingstrosen in einer einfachen Glasvase mit einem durch ein Bänkchen erhöhten Pflanzentopf. Er probiert bei diesem Motiv sowohl eine optimale Ausleuchtung als auch die Wirkung von Fokus und Tiefenunschärfe: ein für Fotoamateure beliebtes Experiment. Der Blick aus dem Fenster geht auf das gegenüberliegende Goldbekufer.
Das in Norddeutschland beliebte "Ringreiten" hatte sich aus der mittelalterlichen Praxis des Ring- oder Ringelstechens, einer Geschicklichkeitsübung für Knappen zu Pferd, entwickelt und wird in einigen Regionen bis heute gepflegt. Hülsmann fertigte von diesem Turnier gleich mehrere Aufnahmen – mit und ohne das Balkengerüst, an dem sich der Ring befindet, der mit einer Lanze herunter geholt werden soll.
Eine Obstbäuerin bereitet die Ernte zum Weitertransport vor: die Frau im ärmellosen Kleid mit Schürze schleppt an einem Schulterjoch vier prallgefüllte Körbe mit Kirschen an den Steg, wo bereits etliche weitere Körbe, bewacht von einem blonden Jungen in kurzer Hose, auf das Verladen warten. Demnächst wird ein Kahn auf dem begradigten Flusslauf (vielleicht die Schwinge oder der Kruken) herbeigefahren kommen, um die süße Fracht einzusammeln. Bemerkenswert ist die altertümliche Tragehilfe, mit der die Arbeit der Bäuerin besonders beschwerlich, allerdings auch sehr malerisch aussieht.
Asiatisches Stilleben in der Wohnung Possmoorweg. Auf einem einfachen Tisch fanden eine fernöstliche Buddha-Statuette (vermutlich aus Bronze), eine als Tischläufer verwendete Seidenbordüre mit floralen Ornamenten, darauf ein Porzellankoppchen im Stil der Zeit um 1700 sowie eine bauchige chinesische Vase mit Kirschzweigen Aufstellung. Dass die Kirschzweige noch nicht blühen lässt auf eine Aufnahme Anfang Dezember schließen: traditionell wurden am Barbaratag (4.12.) Kirschzweige geschnitten, damit sie bis Weihnachten aufblühen.
Das elegante und in der Auswahl der überwiegend fernöstlichen Gegenstände einigermaßen reduzierte Stilleben beweist kompositorisches Geschick; die Beleuchtung lässt die Materialität einzelner Objekte, darunter die reflektierende Oberfläche der Vase oder den feinen Seidenglanz des Stoffes hervortreten. Etwas störend erweist sich lediglich ein am linken Bildrand unvorteilhaft angeschnittener Gegenstand, den Hülsmann im Falle einer Ausbelichtung vielleicht "wegretuschiert" haben könnte.
Im Wind wehende Vereinsflaggen. Zu den zahlreichen Aufnahmen, die Friedrich Hülsmann in Häfen oder an Bord von Schiffen machte, gehört dieses Bild zweier Fahnen von Seesportvereinen, die malerisch sturmgepeitscht an ihrem Mast zerren. Dynamisch verwehte Textilien stellen eine wichtige "Pathosformel" dar, wie der Kulturhistoriker Aby Warburg sie Ende der 1920er Jahre anhand zahlreicher Kunstwerke der Renaissance untersuchte, und die er mit zeitgenössischen Artefakten, etwa Werbung, abglich. Warburg stellte die Beispiele seiner Studien im sogenannten "Bilderatlas Mnemosyne" zusammen, den er nicht mehr vollenden konnte und der erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod herausgegeben wurde. Zwischen den Bildzeugnissen der Bewegungsspuren, die jeweils dramatische Gefühlsaufwallungen visualisieren sollten, hätten sich auch Hülsmanns Flaggen gut gemacht.
Gertrud Hülsmann im Halbprofil an einer Küste, wahrscheinlich Sommer 1933 oder 1934. Hülsmann „erwischt“ seine Frau in einem nachdenklichen, fast skeptischen Augenblick. Vielleicht fröstelt sie auch nur, denn der linke Oberarm zeigt eine leichte Gänsehaut, und sie sollte die unter den Arm geklemmte karierte Wolljacke wieder anziehen. Das vom Wind leicht ins Gesicht gewehte Haar ist wie das eines Mannes kurz geschnitten, eine Mode, die bereits in den 1920er jahren populär war und einen Kontrast zum "fraulichen" Idealtypus einer Reichsdeutschen während der NS-Zeit bietet.
Der arme Alte von Ahrensburg. Zufrieden und entspannt sitzt ein bärtiger Greis in einem Lehnstuhl aus Korbgeflecht und lässt sich von der Mittagssonne bescheinen. Die gepflegte Kinnzier, ein heller Hut, Blume im Knopfloch und gestreifte Hose geben ihm ein recht adrettes Ansehen. Wollen die Pantoffeln schon nicht so recht dazu passen, wird die Vorstellung eines behaglichen Lebensabends vollends durch die Behausung getrübt, vor deren Eingang es sich der Senior bequem gemacht hat: die Tür gehört zu einer der 22 (ursprünglich 24) "Gottesbuden", die sich in zwei Reihen um die Schloßkirche zu Ahrensburg ordnen. Von Peter Rantzau, dem Erbauer des Schlosses, wurden sie um 1600 als Bleibestatt für besonders bedürftige Dorfbewohner gestiftet – vergleichbar der Augsburger Fuggerei, einem "Sozialbau" der frühen Neuzeit. Bis heute werden die Wohnzellen zu einem günstigen Mietziens vergeben.
Schloß Rheinsberg, vom südlichen Seeufer aus aufgenommen. Das Wasserschloß aus dem 17. Jahrhundert wurde unter Kronprinz Friedrich zwischen 1736 und 1740, u.a. nach Plänen von Georg Wenceslaus von Knobelsdorff, umgebaut und steht für die Frühphase des friderizianischen Rokoko. Hülsmann besuchte das im Norden Berlins gelegene Ensemble offenbar im Winter – passend zu den Terminen der landwirtschaftlichen Ausstellung „Grüne Woche“, die jeweils früh im Jahr stattfand.
Friedrich Hülsmann in seiner Wohnung, Possmoorweg 61, 1934. Im Schein einer stoffbespannten Lampe widmet sich der Sammler einem silbernen Deckelgefäß mit bewegten Faltenzügen, möglicherweise einem Gewürzstreuer. Auf dem Schoß hält er ein Heft, als vergleiche er Notizen mit dem Gegenstand in seiner anderen Hand. Kunstbände liegen mit den augenscheinlichen Spuren ihrer Benutzung am Boden – ganz entsprechend den Empfehlungen für Interieurfotografie, selbst menschenleere Räume durch „Wohnlichkeitsattrappen“ wie aufgeschlagene Bücher oder halb leer getrunkene Teetassen zu beleben. Hingegen ignorierte Hülsmann bei der Gestaltung seines Appartments vollständig die zahlreichen bis 1933 erschienenen Ratgeber für zeitgemäßes Einrichten mit Chrom und Glas. Stattdessen erzeugte er mit der Wahl seiner Ausstattungsdinge einen größtmöglichen Gegensatz zur funktionalistischen Modernität des Miethauses im Possmoorweg, denn dieses trägt deutliche Merkmale der Bauhaus-Ära.
Zwei Besucher einer landwirtschaftlichen Messe in Berlin, wahrscheinlich Mai 1933. Friedrich Hülsmann hat sich - vermutlich völlig unbemerkt – auf die Fersen von zwei Männern geheftet, die sich über das Messegelände treiben lassen und offenbar hier und da Informationen einsammeln. Vom Stand der Hansa Mühle, dessen Aufbau Hülsmann in vielen Fotografien dokumentiert, haben sie Umhängetaschen aus bedrucktem Stoff mitgenommen. Der aufgedruckte Werbeslogan "füttert Soja Schrot Vita" bildet annähernd die Mitte der Aufnahme und den Focus der Scharfstellung. Mit ihren Hüten und den mäßig sitzenden Straßenanzügen wirken die beiden Männer ähnlich unkomfortabel und wesensfremd gekleidet wie die drei Westerwälder Jungbauern im Sonntagsstaat, die August Sander 1914 fotografiert und 1929 in sein Buch "Antlitz der Zeit" aufgenommen hatte. Dass Hülsmann die beiden im Moment ihrer Isolation von den übrigen Messebesucher ablichtete, verstärkt den Eindruck der Verlorenheit: vielleicht werden die Männer froh sein, der Großstadt bald wieder den Rücken kehren zu können…
Aus der malerischen Altstadt Dinkelsbühl sind verschiedene Aufnahmen von Friedrich Hülsmann erhalten. In der Segringer Straße fotografierte er zwei sonnenbeschienene Häuser, die das schmale Hopfengässlein rahmen; im rechten ist die Werkstatt des Schlossers Karl Binder untergebracht (heute ein Optikerfachgeschäft). Die durch den oberen Bildrand beschnittene Häuserflucht gehört sicher nicht zu Hülsmanns besten Stadtansichten, doch gelang ihm ein besonderer Schnappschuß: am linken unteren Rand ragt – offenbar unbeabsichtigt – ein Junge ins Bild, der gerade Anlauf zu nehmen scheint, um noch schnell vor dem Fotografen vorbeizulaufen: Hülsmann drückte wohl etwas zu früh auf den Auslöser...
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Porträt einer Dahlie, ca. 1933/34. Gertrud Hülsmann, von der nur der Unterarm und die Hand zu sehen sind, biegt eine Dahlie leicht zu sich heran, wie um dem Stängel eine optimale Seitwärtsneigung zu geben. Die Blume ist mit strahlendem Licht von oben fotografiert. Auch Albert Renger-Patzsch hatte der Dahlienblüte in seinem Buch "Die Welt ist schön" (1928) besondere Aufmerksamkeit geschenkt.